Bittersweet Symphony 5/5 (5)

28.12.1996 – bin mit Thomas in London und wir sehen spannenderweise eines der ersten Spiele von Arsene Wenger. Zu Hause gegen Aston Villa. Wir so vorher: Was ist denn der Neue für einer? / Keine Ahnung, is´n Franzose, kommt aber aus Japan .. / Hä? wie jetzt? und kann der was? / Weiss nich´, kenn´ den auch nicht … Vorm Spiel noch Enttäuschung: Bergkamp, Adams, Seaman – alle nicht dabei. Wir so mittendrin: Boah, besser geworden isses aber auch nich´ … / Nee, die können einfach kein Spiel machen, nur reagieren .. / Aber wer ist denn der Schwatte da? ist der neu? / Ja, auch´n Franzose, hat der Neue mitgebracht .. / Der kann was … Am Ende hat sich Arsenal ein 2-2  (Wright, Merson) erkontert gegen ein starkes Villa (mit Dwight Yorke). War nicht doll, aber irgendwie haben wir das Licht gesehen – in Form von Vieira … am letzten Spieltag wurde die vielumjubelte Europa League (UEFA-Cup)-Quali erreicht vor dem punktgleichen Liverpool (Villa dahinter, Spuds 10.). Und in der Folgesaison ging das Licht so richtig an ….

Tja, und kaum sind gut 21 Jahre rum und der japanische Franzose geht schon wieder … Leute, so wird das nichts mit der Konstanz …

Irgendwie hat uns die Verkündung am Freitag ja alle umgehauen, oder? ich meine, erhofft von den meisten, wild herbeigesehnt vielfach ja auch, aber trotzdem merken alle, was für ein Einschnitt das ist für unseren Verein. Und ja, auch was für ein Verlust das sein wird.

Keine Frage, die Entscheidung ist absolut richtig, denn es ist schon länger offensichtlich, dass Team, Verein und Umfeld dringend eine Auffrischung bzw. Veränderung brauchen. Vom sportlichen ganz abgesehen war die Apathie unter den Fans und die Selbstzerfleischung untereinander kaum noch zu ertragen. Die verbale Gewalt in manchen Foren (damit meine ich nicht uns! obwohl es auch hier Ausfälle gab – mir und anderen wurde schon Prügel angedroht) war mitunter ekelerregend. Gut, ein paar können immer noch nicht davon lassen, aber das sind vielfach nur Teenie-Trolle und die ewiggestrige ´Früher war alles besser´-Fraktion. Die Dummen sterben halt nie aus …

Die Welle an Zuneigung und Respekt von allen Seiten für Arsene Wenger ist einfach atemberaubend. Alle möglichen Vereine (auch T´ham), alle Größen der Fußballwelt, gefühlt alle ehemaligen Spieler und die aktuellen sowieso (und hier immer wiederkehrend: ´Danke, Boss´) – so scheisse kann er nicht gewesen sein. Ich war sicher nicht der Einzige, der hier und da eine Träne oder zwei weggedrückt hat.

Wie oben schon ersichtlich, habe ich die Wenger-Zeit voll mitgemacht. Alter Schwede, what a ride it has been … Fußball vom anderen Stern teilweise – nie für möglich gehalten, gerade von Arsenal. ´Boring, boring Arsenal´ kam ja nicht von ungefähr. Was war das für ein geiles Gefühl, was für ein Stolz – ein Verein, der Erfolge feiert, auf eine Weise, die man sich erträumt, mit faszinierendem Fußball, mit einem Trainer, der einen ebenso mit Stolz erfüllt hat – keine kalte Erfolgsmaschine a la Chelsea und kein technokratischer Unsympath an der Seite. Unser Verein war ´The Special One´! wenn mich eines betrübt oder ärgert, sind es nicht die ausbleibenden Erfolge in den letzten 10, 12 Jahren und der schlechtere Fußball, nein, es ist genau diese goldene Zeit damals – wieviel mehr wäre möglich gewesen und wurde teilweise schludrig versemmelt – 1999, 2000, 01, 03, 04, 06, 07, 08, 09 – Tiefpunkt 2011 das verlorene Finale gegen Birmingham. Auch und gerade die Invincibles-Saison war schräg, denn die unbeaten season und der Titel waren nur ein Ausgleich dafür, dass die anderen Titel mangels Killerinstinkt vergurkt wurden. Denn damals war Arsenal für einige Jahre mit Sicherheit die beste Mannschaft in Europa, konnte aber ihr Potenzial nie voll und ganz entfalten. Ach, irgendwas ist ja immer …

Arsene Wenger hat in kurzer Zeit nicht nur Arsenal komplett verändert, sondern auch sukzessive die Premier League und den kompletten englischen Fußball. Er war erst der zweite ausländische Trainer in England (und Arsenal wurde massiv angefeindet dafür) und die ersten Reaktionen (Arsene Who? / Fergie: der kommt aus Japan, was will der hier? .. aka: der kann doch keine Ahnung haben / Tony Adams: der trägt ja ne Brille .. und kann der überhaupt englisch?) wichen relativ schnell Anerkennung dafür, was er bei Arsenal umsetzt. Arsenal hat das damals übermächtige ManU herausgefordert, die mit wilder Feindseligkeit (und Gewalt auf dem Platz, wenn Mike Riley Schiri war – denn der pfiff parteiisch) reagierten. Der jahrelange Zweikampf der Beiden war episch: DAS war Fußball, DAS waren Dramen … man lese jetzt nur die Respektsbekundungen der damaligen ManU-Spieler und v.a. von Fergie. AW wurde im Old Trafford immer angefeindet, aber ich bin mir sicher, dass ihm dort nächste Woche massiv Respekt entgegen gebracht wird.

Es ist das Ende einer Ära und mit Arsene Wenger geht auch jemand, der noch für eine andere Zeit im Fußball steht, als dieser noch nicht komplett vom Kommerz untergepfügt war bzw. ausschließlich vom Geld regiert wurde. AW war intern federführend bei der Entwicklung und dem Bau des neuen Stadions, weil es keine Genehmigung zum Ausbau von Highbury hab. ManU hatte mehr finanzielle Möglichkeiten, weil ihr Stadion größer war und sie so höhere Einnahmen hatten. Als das neue Stadion nach Jahren dann schließlich stand, hatten sich die Voraussetzungen im englischen Fußball aber schon deutlich geändert: Fernsehgelder schossen in die Höhe und v.a. waren die ersten Oligarchen am Start, die wie Abramowich gleich mal erste Meisterschaften gekauft haben (der wollte eigentlich Arsenal oder ManU kaufen, die wollten nicht und so hat er das kurz vor dem Bankrott stehende Chelsea gekauft – für einen Pfund ..).

Das Stadion war und ist unglaublich teuer (170 Mio sind noch abzuzahlen bi2 2031), da es z.B. auch unglaublich Auflagen vom Bezirk gab und sie die ehemalige Müllhalde ja erstmal klarmachen mussten. Aber so konnten sie in Highbury bleiben, auch wenn es etwa 4-500 Mio mehr gekostet hat – Alternative war ein Stadionbau an der M25 oder aber Wembley (was David Dein wollte). AW hat sich dafür eingesetzt, dass der Verein im Viertel bleibt und auch dafür gebührt ihm Dank.

Die Finanzkrise 2008-9 hat dann dafür gesorgt, dass Arsenal deutlich weniger Geld als geplant zur Verfügung hatte, denn um die Bilanzen zu retten, mussten die Wohnungen im umgebauten alten Highbury-Stadion weit unter Preis verkloppt werden, weil der Immobilienmarkt zusammengebrochen war. So hatte Wenger kein Geld zur Verfügung für die Mannschaft und die Resultate haben wir gesehen. Unterm Strich wird es auch eine der größten Leistungen Arsene´s sein, dass er Arsenal in der schwierigen finanziellen Zeit wettbewerbsfähig gehalten hat und so die CL-Kohle reinkam. Möchte nicht wissen, wo wir stünden, wenn wir die ein paar Jahre nicht gehabt hätten …

Wenn man will, kann man die Zeit in Highbury-Wenger (sehr, sehr gut) und Emirates-Wenger (tja ..) einteilen. Es wurde Zeit für einen Wechsel, er kommt jetzt und das ist gut so. David Ornstein von der BBC hat ja enthüllt, dass AW eigentlich schon letzten Mai aufhören wollte, der Verein aber keinen Nachfolger an den Start gekriegt hat (man denke an das komische Rumgeeier damals) und AW auf Bitten des Vereins pflichtbewusst verlängert hat. Offensichtlich mit dem Ziel des Wechsels 2018 (und man hatte nen Zweijahresvertrag gemacht, weil ja sonst die Spekulationen nicht abgerissen wären). Der Verein hat sich im Background in der letzen Saison für die Zeit nach AW präpariert (zu spät, aber egal jetzt ..) und agiert jetzt hoffentlich so, wie man das von einem Verein von der Statur wie Arsenal eigentlich erwartet. Von daher war die PK von Ivan Gazidis schon mal ein gutes Zeichen.

Was jetzt besonders schön ist, dass Arsene Wenger in den kommenden Spielen nochmal der Respekt bezeugt werden kann, der ihm gebührt. Denke, wir werden eine einzigartige Stimmung in den verbleibenden Heimspielen erleben. Angefangen heute, dann gegen Atleti und zum letzten Mal gegen Burnley.

Für mich ist Arsene Wenger schlicht der beste bzw. coolste Trainer der Welt. Punkt. Gut, sportlich ja schon länger nicht mehr und wie gesagt, auch zur goldenen Zeit nicht immer auf der Höhe, aber ich meine das Gesamtpaket. Ein hochintelligenter Mensch, dessen Interviews quasi das Hochamt des Fußballs waren (oder sind ..). Ich meine, welcher Trainer wird auf seiner PK schon mal zu seinen Gefühlen zum Tod von David Bowie befragt? oder zum Brexit? zu Trump? zu allem Möglichen?

One Love

(was ja passt, denn Wenger ist bekennender Bob Marley – Fan)

So, spannende Zeiten, Arsenal´s Zukunft wird geil und aufregend, aber die Saison ist ja noch nicht vorbei und ich erwarte jetzt nichts anderes von der Mannschaft, als das sie sich in den nächsten Wochen aber sowas von komplett den Arsch aufreisst, die Liga vernünftig nach Hause bringt und gegen Atletico zwei unglaubliche Hammerspiele auf den Platz bringt. Do it for Arsene!

GET IN!

Und wie sagte David Dein so schön. Arsene for Arsenal – that was destiny …

 

Bildergebnis für arsene Wenger 2004

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare
  1. der_fahrplan
    der_fahrplan sagte:

    Toller Beitrag!

    Mein Highlight war (neben seiner Spielidee, seinem Prinzip der Jugendförderung…) seine (spontane!!) Abhandlung zu Nationalstolz und Nationalgehabe allgemein(hergeleitet über Länderspiele, am Beispiel von deutsch/französischen-Beziehungen kurz nach’m Krieg) auf einer PK – wohlpointierte Worte, die doch scharfe Kritik an Egoismus und Überhöhung der zufälligen Nationszugehörigkeit übten, ohne jemandem auf die Füße zu steigen oder gar oberlehrerhaft seine Sicht aufzudiktieren. Eine leise Ode an den Respekt und die Menschengleichheit, Wahnsinn!

    Umso erbärmlicher diejenigen, die wie besessen von dem Gedanken an diesen oder jenen Pokal, seit Ewigkeiten seinen Kopf fordern. Seine und damit unsere Darstellung auf und außerhalb des Platzes ist in silbernen Ornamenten nicht aufzuwiegen!

    Ich halte ja nix von Starkult, aber mit Wenger würd‘ ich ja gern mal nen Kaffee trinken und mich über das ein oder andere unterhalten….weiß jemand, wie oft der in Lübeck ist? 😉

  2. pvg
    pvg sagte:

    „Umso erbärmlicher diejenigen, die wie besessen von dem Gedanken an diesen oder jenen Pokal, seit Ewigkeiten seinen Kopf fordern. Seine und damit unsere Darstellung auf und außerhalb des Platzes ist in silbernen Ornamenten nicht aufzuwiegen!“

    Danke. Vielleicht wird sein Abschied von sportlicher Verantwortung wieder bei mehr Leuten den Blick freigeben darauf, was für ein Aushängeschild AW für unseren Verein auch war.

    Und bei Jens freu ich mich drauf, wenn er d e n Artikel irgendwann mal übertrifft. Wird ne Aufgabe.

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