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geschrieben von Norman E.


Ja, auch ich gehöre zu der ‚Sportschau-am-Sonntag-berichtet-vom-englischen-Fußball’-Generation. Das war Ende der Achtziger. Zu der Zeit mischte ein Hamburger Traditionsverein mit seinem staubigem Millerntor gerade kräftig die Bundesliga auf. Und ich mischte jedes Wochenende mit – ganz nach dem Motto ‚Support gegen den Abstieg’. Und eine der wahrscheinlich ersten internationalen Fanfreundschaften befand sich in der Entstehung. Nicht zuletzt durch Reiseberichte im Fanzine ‚Millerntor Roar’ entwickelte sich zwischen den Fans des FC St. Pauli und Celtic Glasgow eine innige Verbindung, die bis heute Bestand hat. Die Faszination eines grünweißen stimmgewaltigen Supports durfte ich später während der UEFA-Cup Spiele in Köln und Dortmund erleben und sie packte auch mich. Allerdings hing ich ja bereits 1989 sonntags gegen 18.00 Uhr vor der holzumkleideten Flimmerkiste, um das Herzschlagfinale in der Football League zu verfolgen– ‚It’s up for grabs now!’ und die Analysen von Tony Woodcock brachten ein Flair der scheinbar unerreichbaren englischen Atmosphäre in unser Wohnzimmer.

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Im Jahre 1993 am 17. Mai war es dann soweit. Ich ging zu einem Heimspiel der Gunners. Und es sollte nicht der einzige 17. Mai bleiben, den ich mit Arsenal verbrachte.

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Meine Freundin und ich begaben uns also im Mai ’93 zu einem 6tägigen Aufenthalt nach London, fußballtechnisch nur ausgerüstet mit unseren Totenkopfpullis. Als wir unser B&B  betraten, lief auf Kleinbildschirm  am Empfang gerade das FA-Cup Finale zwischen Arsenal und Sheffield Wednesday, bzw. dessen erster Teil. Da das Spiel nach Verlängerung mit einem sehr zähen 1-1 zu Ende ging, sollte es 5 Tage später zum Replay kommen. Wir hatten englischen Fußball eigentlich eher nicht in unsere Sightseeing-Pläne aufgenommen. Zumal die Saison ja schon vorbei war. ‚Aber wieso eigentlich nicht Wembley?’, dachten wir uns spontan. Woher aber Tickets bekommen? Der Tipp, dass man bei den Zeitungs- und Souvenirhändlern immer fündig würde, entpuppte sich als Mythos. Und das Angebot des Zeitungshändlers direkt am Big Ben, Tickets für einen 3stelligen Betrag besorgen zu können, lehnten wir dankend ab. Also fuhren wir unter der Woche lieber in Richtung Highbury um dort unser Glück zu versuchen. Bereits auf dem Weg zum Stadion überholten uns einige Autos mit Arsenal-Fans und am Stadion schockte uns eine unfassbar lange Schlange vor den Tickercountern. Die traditionelle Warteschlange vor der Tube in der 85. Minute eines Heimspiels war nichts dagegen. Wir sahen unsere Chancen auf dem Nullpunkt und gingen wir erst einmal zum Stöbern in den Arsenal-Shop am Clock End. Dort erfuhren wir, dass es noch Left Over-Tickets für das Replay am kommenden Morgen ab 9.30 Uhr geben würde. Wenn wir so um 6.00 Uhr da wären, hätten wir gute Chancen. Ja, sicher…na gut, dann war eben ‚früh ins Bett gehen’ angesagt. Aber weshalb waren dann am heutigen Abend in N5 noch so viele Menschen unterwegs?  Die Antwort war so einfach wie auch überraschend. Der frischgebackene und erste Meister der Premier League Manchester United gab sich die Ehre, ein Testimonial gegen Arsenal zu bestreiten, und zwar das ‚David O’Leary Farewell Match’. Der irische National- und Rekordspieler bei Arsenal sollte in seiner letzten Saison für die Gunners mit einem Abschiedsspiel entsprechend gewürdigt werden. Bis heute hält O’Leary mit insgesamt 722 Einsätzen den einsamen Vereinsrekord. Verdient hatte er es sich also. Aber zwei Tage nach dem FA Cup Final Teil 1 und vier Tage vor dem FA Cup Final Teil 2 tatsächlich noch ein Testspiel? Tja, man muss eben Prioritäten setzen.

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Tatsächlich ergatterten wir noch 2 Tickets für 10 anstatt 4 Pfund und das Spiel bot alles, was man sich wünscht: ein ‚leistungsgerechtes’ 4-4, einen beeindruckenden Kader des Champions, viele amüsante wie auch emotionale Momente und nicht zuletzt ein Tor von O’Leary himself. Und trotzdem war im Nachhinein etwas anderes das ganz Besondere bei diesem Stadionbesuch. Ich meine den Moment, als wir das Arsenal Stadium betraten und im Clock End Platz nahmen bzw. einfach stehen blieben. Das Clock End war zu diesem Zeitpunkt nämlich noch eine Stehplatztribüne, die bis an den East und West Stand heranreichte. Die Blöcke waren durch massive Zäune getrennt, über die heute wohl niemand mehr freiwillig  drübersteigen würde. Vom Millerntor kannte ich es nicht anders. Aber hier im Highbury sollte es das letzte Spiel mit Stehplätzen sein. Die North Bank stand kurz vor der Fertigstellung als reine Sitzplatztribüne. Sie war noch von der berüchtigten, viel zu klein geratenen Holzwand verdeckt, auf der die zukünftige Tribüne als Gemälde den Eindruck eines vollen Stadions vermitteln sollte. Dass zunächst fast nur hellhäutige Zuschauer abgebildet waren, hatte bekanntlich für einige Unruhe und Retusche gesorgt. Auch die Werbung für die überteuerten Bonds stieß auf Unmut, der in einem relativ erfolgreichen Widerstand der Fanszene mündete. Die Auswirkungen des Taylor Reports waren deutlich spürbar und das Spiel daher mit 22,117 Zuschauern so gut wie ausverkauft. Verhältnisse wie am Millerntor möchte man meinen. Mitnichten, wenn man bedenkt, wer sich da gerade vor einem auf dem Platz befand, und dass es keinen Zaun zwischen uns und dem Spielfeld gab. Ach ja, ein gewisser Ryan Giggs war auch schon dabei (und hat sich damals schon nicht den Nacken ausrasiert). Als Andenken wurde sich noch schnell das Matchprogramm besorgt. Am Abend vor unserem Rückflug wurde dann noch 119 Minuten gebangt und gezittert, ehe Andy Linighan per Kopf für die Erlösung und den 7. Titel für O’Leary mit Arsenal an dessen letztem Spieltag für die Gunners sorgte. Für eine fußballfrei geplante Woche eine ziemliche Gratwanderung, die mich so schnell nicht losließ.
Die Zuneigung für den Club resultierte u.a. in einigen Berichten in verschiedenen Fanzines und in der Gründung des Fanclubs ‚Sankt Pauli Gunners’, der auf Schalke sogar den 5. Platz bei der Deutschen Fanclubmeisterschaft erreichte. Der Fanclub ermöglichte es uns auch, regelmäßig eine ordentliche Anzahl an Karten aus London zu erhalten. Das Internet bestand damals übrigens aus Anschreiben, Briefmarke und Verrechnungscheck.  Zudem ergab sich bald die Chance, in die sogenannte Ticket Registration Scheme aufgenommen zu werden, dem Vorläufer der heutigen Silver Membership.

Mein erster richtiger Kontakt zu Arsenal Germany entstand übrigens erst beim CL-Spiel im Schneetreiben von München mit einer handfesten Schneeballschlacht im Olympiastadion.  Man kannte sich vorher halt so vom sehen (und dem FCSP).
Und plötzlich war auch der 17. Mai wieder da. Auf den Tag genau 13 Jahre nach meinem ersten Mal flogen wir gemeinsam am 17. Mai 2006 nach Paris und mussten eine bittere Niederlage gegen Barcelona miterleben. Die Ereignisse in den Katakomben des Stade de France nach Abpfiff retteten allerdings den gebrauchten Abend, nicht wahr Mr. Davis?!

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Im vergangenen Jahr, ebenfalls am 17. Mai und dieses mal 21 Jahre nach meinem ersten Spiel, ging es für mich wieder nach London. Zum FA Cup Finale gegen Hull City. Das Ergebnis ist allen gut bekannt, wobei ich dieses mal glücklicherweise nicht bis zur 119 Minute warten musste. Vielmehr waren es 9 ganze Jahre auf den nächsten Titel. Abgerundet wurde das erfolgreiche Wochenende von einer tollen Parade bei grandiosem Wetter. Aber „dieser eine Moment“, den gab es schon während des Spiels gegen Hull in Wembley. In der Halbzeitpause kam ich mit meinen Platznachbarn ins Gespräch. Wir amüsierten uns über die älteren Herrschaften mit Ihrem lang gezogenen ‚Sit dooooown!’ und über die Stewards, die kläglich versuchten, dieser Forderung während eines Pokalfinales nachzukommen. Als ich erwähnte, dass ich aus Hamburg angereist war, riefen meine Platznachbarn gleich mal Ihre Verwandten aus Hamburg Eppendorf an! Und die erste Frage, die vom anderen Ende der Leitung an mich gestellt wurde, war dieses typische „HSV oder St. Pauli?“… Natürlich wollten meine Londoner Nachbarn auch wissen, wie ich denn zu Arsenal gekommen sei. Also erzählte ich die Geschichte vom 17. Mai 1993. Das Pärchen neben mir guckte sich lachend an und antwortete mit einem breiten Grinsen „ Oh, das David O’Leary Farewell Match? Das war auch unser erstes Spiel von Arsenal!“

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Marc: Zu Allererst: Nein, wir reden nicht über Thai-Massagen! (*Insider*) Es kam der Tag, an dem sich eine illustre Bande von Brüdern (und vier Schwestern) gleichen Geistes aufmachte um im sagenumwobenen Islington, unweit der Gillespie Road, ihr Unwesen zu treiben. Wie dem auch sei – unter der rot-weißen Armada durchweg zivilisierter German Gooners (Deckname: „ZE GERMANS“ mit scharfem Ess-Zett-Ypsilon) machte sich bereits vor Abflug (7:05h – FFS) Unbehagen breit. War es Schönefeld oder Tegel? Oh Gott. Und warum hab ich keine Unterwäsche an? Ahhh… doch, alles gut!

Schlaftrunken aber dennoch gut gelaunt schwung sich das säschisch-thüringisch-brandburgisch-nordrhein-westfälisch-kurpfälzisch-hessisch-schleswig-holsteinische Konglomerat in die eigens vorgemieteten Plätze einer orangenen Billig-Airline um kurz darauf in Gatwick über die Anschaffung etwaiger Bahntickets zu philosophieren. Nach kurzer Beratschlagung setzte Tito den Erwerb von Fahrkarten OHNE Tagesticket durch. Die anderen hatten ja auch keins. Einer für alle, alle für einen.

In Islington angekommen, ging es erstmal zum Check-In bzw. zum „The Park“ um des Treasurer‘s nunmehr von magenleere leicht angekratztes Gemüt auf Vordermann zu bringen.

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PVG: Wo war eigentlich Carsten?

…sten: Ist schon lustig wenn  Zigarettensucht & die damit verbundene dreiviertelstündige, immer hektischer werdende Suche nach einer Smokers – Lounge im Gatwickschem Niemandsland unter dem Deckmantel eines Bahnticketerwerbes versteckt wird! Aber gut, ich gebe zu, dass der Erwerb eines Eimer Kaffee & die in diesem Zusammenhang von Sören angezettelte Grundsatzdiskussion um den englischen Begriff für Zuckerersatzstoff auch ein paar Minuten kostete, aber Du hast Recht: einer für alle, alle für einen & so saßen wir schlussendlich quietschvergnügt und über Bornheimer Fußballspartenvereine schwätzend alle zusammen im Zug nach London & das ist doch die Hauptsache! Ist das für Dich jetzt eigentlich ein großartiges Gefühl mit dem englischen, jetzt richtigen Fußball sehen zu dürfen?

PVG: Wie hieß es denn nun noch mal?

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Marc: Nun, wenn Du unter Fussball das verstehst, was an diesem Nachmittag zum Gegenpreis geschätzter drei Kaltmieten für eine Dreizimmer-Wohnung in Blankenfelde geliefert wurde: Fand ich nicht so baba-mässig. Erstmal hat dieser blinde Schönling mit der 12 den Ball irgendwie in den Winkel gestolpert (ohne sich dabei das Bein zu brechen wohlgemerkt) und dann sollten da noch zwei weitere Tore fallen. Ich dachte, richtiger Fussball wäre das, was dieser Jose Mourinho spielen lässt? Und diese Fans sind auch extrem unsympathisch. Singen Lieder von den Beatles, die ja bekanntermassen aus Liverpool sind. Singt doch gleich „You‘ll never walk alone“! Außerdem fand ich das mit dem Biertrinken irgendwie unangebracht. War gar nicht witzig. Außerdem ist Woolwich viel schöner… damals, 1886. Das waren noch Zeiten. Was glaubst Du was der Jenenser eigentlich von der Aktion gehalten hat und warum hatten ein paar Leute ab 20:00 Ausgangssperre?

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Jenenser: Also ich fand das Wochenende mal so richtig scheiße. Erst redet man mir mein 6-Bett-Hostel-Zimmer mit den fünf muchtenden Neapolitanern aus, nur damit ich dann neben so einem Kaffeesachsen nächtigen muss (Danke nochmal!), der einen vor lauter Gequatsche und Posieren für Pyjama-Fotos nicht in den Schlaf kommen lässt! Im Rocket gab’s kein Ale vom Fass (wir hätten einen Wetherspoon-Pub aufsuchen sollen!), der blinde Özil hat schon wieder nicht getroffen und ich weiß noch immer nicht, warum die Bubbleblower ihre Quadratlatschen in die Höhe hielten. Vielleicht hat DJ Malibee von oben gerufen „Throw your shoes up in the air and wave ‚em like you just don’t care“? Aber die who don’t care waren doch eigentlich Millwall? Alles viel zu verwirrend, kein Wunder dass auch der Referee die Schnauze voll hatte und sich auswechseln ließ. Vermutlich hat man ihm im Gegensatz zu mir aber wenigstens kein das Verfallsdatum überschrittenes Bier eingeflößt, anders lässt sich der nächstmorgendliche Zustand nicht erklären. Und dann latscht man am Sonntag zwischen diesen ganzen Islamisten umher und die Reisegruppe quatscht nur von „Vinyl“, als hätte es nicht ausgereicht, Sörens Kappe zu lüften, um einer astreinen Platte andächtig zu werden. Leute, es war zum Kotzen!

Ich könnte mich aber breitschlagen lassen, beim nächsten Mal wieder mit dabei zu sein. Kann ja nur besser werden!

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…sten: ja ja der JENENSER, kann brüllen wie 2 Ochsen & schafft es irgend wie doch ÜBERALL rein zu kommen,… sehr angenehmer Typ … bis 22 Uhr an diesen Abend!!! … & wie jetzt Ausgangssperre? … schön der Reihe nach, junger Padawan, hier wird nicht einfach los gestürzt wie olle Ricken damals gegen Juventus oder gar der Typ aus der schon erwähnten … Pool – Billiard Hochburg damals bei der WM 1998 gegen den Mc Donalds Ersatzfleischhersteller aus Südamerika … der Reihe nach, heißt auch, hier wird gegessen was auf den Tisch kommt & das war bei den Herren Vorstandsmitgliedern ein Hipster Laden, bei der aus 2/3 mit Ex – Ossis verstärkten Fraktion der ortsansässige Lidl! Sagt einiges über die Qualität der Reisegruppe aus, auch das ein Teil der Mitbringsel für die Daheimgebliebenen im 1 Pfund Store besorgt wurde … die Wohnung alldieweil war der 6er der uns bei Dynamo fehlt & der den Tag zum Glücksfall machte! Mitten im Viertel zu „leben“ – unbezahlbar!

PVG: Man kennt es ein bisschen aus d e m Buch, ja von d e m Nick. Das Gefühl, sich mit den Kumpels am Spieltag daheim zum ersten Bier zu treffen, gemütlich zum Stadion zu Schlendern, mit den Nachbarn über den Ausgang zu philosophieren und Muddi auf dem Heimweg was Feines mitzubringen in der abwegigen Hoffnung, sie würde einem all die anderen Biere mit all den anderen Freunden irgendwie verzeihen. Und weil wir selbstredend in der Lage waren, die Kleinigkeit unseres morgendlichen Fluges von BER, ähm SXF auszublenden und so herrlich willkommen geheißen wurden, fühlten wir uns auf dem Weg vorbei an Arsenal Vine, Gunners Food und Co so ein ganz klein bisschen wie Einheimische. Brust raus!

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… sten: Der Chef (DB10) wartete unterdessen im Rocket, der Anlaufstelle von Red Action – bissel steriler Laden wie ich finde aber egal! Mit Trev wartete auch unser allererster Kassenwart, Gründungsmitglied & auch der Grund für meine fast schon sektiererische Liebe zu britischer POP – Musik & zu Arsenal! Für mich also ein äußerst emotionaler Moment den alten Recken wieder zu sehen! Erinnerungen spülten nach oben, als damals Mitte der 90er Jahre ein Autoradio herhalten musste, in einem mit tuckernden Motor irgendwo auf einem Berg im sächsischen Niemandsland abgeparkten Golf, nur um seine sonntägliche Sendung Puttin‘ on the Fritz zu verfolgen, in der er mit einem gewissen Desmond Squire, Radio macht, das es heute, so leider nicht mehr gibt, auch durchsetzt von Telefonaten ins Heimatland zu irgeneinem Bekannten, der am Telefon, über das jeweilige Spiel der Gunners berichtete … was für eine Zeit …

Wie fandet Ihr überhaupt das Spiel? Ein Teil hatte ja die „gehobeneren“ Plätze im Nord – End, während wir unter der Clock`E unsere eigene Party zelebrieren mussten, bisschen Spaß machen mit den Herren unten, die uns ständig ihre Schuhe zeigten & Blubberblasen anhimmelten … fand es dieses Mal nicht so verteufelt, man muss halt das beste daraus machen … haben wir ja …

PVG: Was immer noch nicht geklärt ist – wo hatte der Jenenser diese asiatische Reisegruppe aufgetan, die in blau-weiss-gelben Farben in den Reihen hinter uns saßen. Und – was hat sie bloß so amüsiert an unseren Zwiegesprächen mit den Anhängern des sympathischen Ausbildungsvereins?!?

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…sten: nach dem Spiel dann das THE GUNNERS … kann man ja sagen drüber, was man will, an diesem Abend & im Zusammenhang mit einem 10 minütigen „Heim“- Weg, einfach nur großartig, grandios & wunderbar … knüppeldicke voll, die Away Boyz & guter Cider bzw. („das Verfallsdatum überschrittene Bier“ oder Carstens komische dunkelschimmernde Brühe, in der kaum noch ein Fisch um Asyl bitten würde, außer vielleicht Shorty`s Gekreuche … ) … DAS war das negative für der wahren „ich such den Fußball wie er mal war“ Ästheten! … das positive war der unglaublich klebende Fußboden, bei dem UHU trotz aller Bemühungen, noch nie die Konsistenz ermitteln konnte, oder auch das sich auflösen von Pfund – Noten jeder Größenordnung ohne wirklich Überblick über das zurück erhaltene Wechselgeld … ebenfalls positiv, die stundenlangen fast schon sakrale Wiedergabe von Arsenal – Chants die je nach Pegel für den neutralen Betrachter, gab es hier welche?, immer euphorischer aber auch schwer verständlicher wurden … & da kommen wir jetzt zur bereits erwähnten Ausgangsperre, Marc … wie Ihr vielleicht nicht bemerkt habt, es sei Euch verziehen, immerhin gab es ja noch mich … hat sich unser Köllner Jeck bei mir um Begleitung bemüht & ich, als wahrer Freund, sagte ihm natürlich zu, ihn daher zu unserem Nachtlager zu bringen, weil, morgen war ja auch noch ein Tag … ich irrte danach vermutlich noch stundenlang durchs Viertel ohne den Rückweg zu Euch wieder zu finden … & btw … nach betrachten der Porträts der nun frohlockenden, weil damals noch länger wachen, Protagonisten, bin ich darüber auch ziemlich froh …

PVG: Was für plumpe Ausreden … gleichwohl muss ich Dir dann in der Rückschau doch noch mal dafür danken, dass Du uns beide nicht einfach aus dem Fenster geworfen hast.

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Auch wir haben uns zwischen den Jahren mal eine Auszeit gegönnt und die „Mein Erstes Mal“-Reihe ruhen lassen. Soll jedoch nicht heißen, dass Ihr 2015 keine romantischen Geschichten zur Zusammenkunft zwischen Person X und dem AFC zu lesen bekommt. Den Beginn macht der aktuell in Berlin wohnhafte Stefan, ein weiterer Dynamo-Anhänger, der zum AFC geleitet wurde und nie wieder von dort weichen sollte. Trefft Stefan:


Geschrieben von Stefan Holzapfel


Die Gelegenheit war günstig. Mehr als günstig.

1989/90 machte mein Vater mich mit 8 Jahren zum Fußball-Fan, als er mich mit zu den letzten Europapokalspielen von Dynamo Dresden (gegen Aberdeen, Waregem, AS Rom, Viktoria Bukarest, VfB Stuttgart und Malmö FF) mitnahm. Was folgte ist in Fußballkreisen hinreichend bekannt. Der unrühmliche Abgang aus Europa gegen Roter Stern Belgrad 1991, der Abgang fast aller Spieler zu Bundesligisten, Misswirtschaft innerhalb des Vereins, Repressionen des DFB (4-Punkte-Abzug) und 1995 der endgültige Abgang in die Bedeutungslosigkeit (Zwangsabstieg in die Regionalliga).

Mit 15 stehst Du da und fragst Dich: Was nun? Die Themen „Bundesliga“ und „Deutscher Fußball“ waren verständlicherweise für mich beendet (ist eigentlich bis heute so abgesehen von Dynamo Dresden).

Dann kam der 10. Mai 1995. Gerade erst war ich von meinem ersten Auslandsaufenthalt zurück. Eine zweiwöchige Sprachreise nach Südengland mit Abstecher nach London. In vieler Hinsicht prägend. Und nun das Finale im EC der Pokalsieger. Real Zaragoza gegen Arsenal FC. Schon im Jahr zuvor hatte Arsenal den Pokal durch ein glückliches 1:0 gegen den AC Parma gewonnen. Aber nicht dieser Moment war es, der mich zu Arsenal brachte. Sondern diese 120. Minute im Spiel gegen Zaragoza, als Nayim praktisch mit dem Schlusspfiff den Ball aus ca. 35 Metern in halbrechter Position über David Seaman hinweg zum 2:1 für die Spanier in die Maschen beförderte.

Mein erstes Mal Stefan

https://www.youtube.com/watch?v=fiYt3iNWau0      

Ich saß vor dem Fernseher und bemerkte ein beklemmendes Gefühl bezüglich dieses Tores. Was war da los? Es spielten doch Engländer gegen Spanier, also kein Problem!? Ich merkte schnell, dass mir die körperlich robuste Spielweise, die Typen auf dem Platz (besonders Tony Adams und Ian Wright) und die fanatischen englischen Fans gefielen. Ich beschloss, Arsenal weiter zu verfolgen. Möglich war das in dem Alter leider nur per TV und so sollte es noch 5 Jahre dauern bis zum ersten Match im Stadion.

Ich ging nun in der Nähe von Hannover in die Lehre. Keiner von meinen Freunden konnte mein Faible für Arsenal und den englischen Fußball nachvollziehen und dies gab oft Anlass zum Spott (besonders bezüglich des Nationalteams, meist liebevoll „die Inselaffen“ genannt). Arsenal stand in der Saison 1999/00 im Viertelfinale des UEFA-Cups (nachdem man in der CL an Barcelona und Florenz gescheitert war und anschließend Nantes und La Coruna ausgeschaltet hatte)  und die Auslosung ergab als Gegner Werder Bremen. Und nun wurde ich nervös. Zum ersten Mal bestand die räumliche und finanzielle Chance, ein Spiel von Arsenal live zu sehen. Nur, wie an Karten kommen? In einer Zeit, wo Mobiltelefone und Internet für mich noch mehr oder weniger Fremdwörter waren und die Karten mitten in der Woche in Bremen verkauft wurden. Einfaches Problem, einfache Lösung: Ich nahm einen Tag Urlaub und versuchte mit dem Telefon über die Hotline an Karten im Werder-Block zu kommen (wie sagte der junge Paul Ashworth so richtig in Fever Pitch: „Ich habe erst falsch gestanden, bei irgendwelchen Provinzlern…“). Ca. 1 Stunde später nach gefühlt 100-facher Wahlwiederholung und der ständigen Angst, keine Karte zu bekommen, komme ich endlich durch und bekomme 9!!! Tickets (acht für die Kollegen, die das deutsche Team unterstützen).

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Am 23. März 2000 war es dann soweit. Zu neunt mit zwei Autos von Hannover nach Bremen. Ich bestens gelaunt, da Arsenal das Hinspiel in Highbury schon 2:0 (Henry, Ljungberg) gewonnen hatte, aber auch in der Angst, dass Bremen schon damals einige wichtige Spiele im Rückspiel drehen konnte und mit Ailton, Pizarro, Herzog, Bode und Eilts Top-Spieler in seinen Reihen hatte. Die Aufstellung von Arsenal sah auch nicht gerade nach Bestbesetzung aus (Manninger, Dixon, Luzhny, Adams, Sylvinho, Parlour, Grimandi, Vieira, Ljungberg, Kanu, Henry). Doch es sollte anders kommen und ein Arsenal-Spieler machte das Spiel seines Lebens. Nein, nicht Thierry Henry. Der sah nach einem rüden Foul in der 64. Minute beim Stand von 2:3 für Arsenal die rote Karte. Auch nicht Dennis Bergkamp, der neben Flugangst anscheinend auch Angst vor Fähren hatte.

Der Spieler mit dem Spiel seines Lebens war „Romford Pelé“ Ray Parlour, der drei Buden machte und die vierte von Henry vorbereitete. Beim Anblick des ersten Tores würden selbst ein Ronaldo oder ein Messi erblassen. Eiskalt aus halbrechter Position mit dem Außenrist gegen den linken Innenpfosten genagelt und rein. Der linke Innenpfosten fand Gefallen daran und ermöglichte auch noch das 0:2. Nach der Vorlage für Henry zum 1:3 folgte das 2:4 in der Manier eines Konterstürmers, als er allein auf Frank Rost zulief und den Ball rechts unten versenkte. In seiner gesamten Arsenal-Karriere (339 Spiele) machte er 22 Tore, davon 3 allein in diesem Spiel.

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https://www.youtube.com/watch?v=1dSQgAc5U1U

Arsenal konnte einen klaren 4:2-Sieg einfahren und der englische Mob im Gästeblock tobte. Letztlich war es von beiden Seiten ein Wahnsinnsspiel, welches auch 5:7 hätte ausgehen können (z.B. Hammer-Freistoß von Sylvinho an den Pfosten). Und ich war von dem Spiel und dem ganzen rundherum so geflasht, dass jeder Zweifel, insofern er je bestanden hat, weggewischt war. Nach dem Spiel ging es bestens gelaunt (zumindest ich) zurück nach Hannover, wo ich halb 3 morgens zufrieden ins Bett fiel. Den nachfolgenden Berufsschultag konnte man logischerweise getrost in der Pfeife rauchen.

Leider sollte es aus verschiedenen Gründen weitere 12 Jahre bis zum nächsten Stadionbesuch dauern, mein erstes Spiel auf englischem Boden im Emirates (1:2 gegen Manchester United im Januar 2012), aber seitdem geht es regelmäßig 1-2 mal im Jahr auf die Insel.

Letztendlich kann man sagen, dass ich 1995 in einer Zeit fußballerischer Orientierungslosigkeit auch mit etwas Glück zu Arsenal gefunden habe. Es hätte wahrscheinlich genauso gut Liverpool, Man United, Chelsea oder der Nachbar im Norden Londons sein können. Letztendlich waren es ein Besuch in London, zwei Europacup-Finals und so coole Typen wie Seaman, Adams, Parlour und Wright, die mich zu Arsenal brachten. Und ein Verein, der sich selbst in Zeiten extremer Kommerzialisierung größtenteils treu geblieben ist (nicht zuletzt durch den Einfluss von Arsene Wenger), der mich seit nun fast 20 Jahren bleiben lässt.

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“When we won the league at Tottenham, they came back 2-2 in the last-minute of the game, and they’re celebrating – because they’re happy to draw against us, obviously. And I remember saying to Mauricio Tarricco, do you realise we only need a point to be Champions? And they all [were really shocked]. So I said ‘Yes. Now we’re going to celebrate on your pitch. Bye bye!’” 

Der King of Highbury hat gestern seinen Rückzug aus dem professionellen Fussballgeschäft bekannt gegeben. Demnach wird es doch nicht – wie zuletzt vermutet – eine weitere Ehrenrunde in der indischen Premier League geben. Thierry Henry wird ab sofort als Fussball-Kritiker bei Sky Sports (UK) zu sehen sein und hoffentlich viele interessante Arsenal-Anekdoten zum Besten geben.

Wir verneigen uns vor dem durchweg charismatischen Mann, der es schaffte, uns über so viele Jahre beständig zu begeistern. Als Spieler kann er zweifelsohne als einer der Hauptfaktoren für den Wechsel vom Boring Boring-Arsenal hin zu einem der spielstärksten Teams überhaupt genannt werden.

Hier nochmals seine Premier League-Statistiken im Überblick:

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Hier eine kostenfreie Dokumentation:

Wer sich die offizielle Dokumentation Arsenal’s aus der „Arsenal Legends“-Serie ansehen möchte (TIPP), der kann diese unter dem folgenden Link kaufen: Arsenal Legends – Thierry Henry

(Tipp: Da es die Serie leider nur im britischen iTunes-Store gibt und der nicht für deutsche Nutzer freigeschaltet ist, muss man etwas tricksen. Es gibt im Netz mehrere Möglichkeiten, iTunes-Gutscheine zu kaufen (auch vom britischen Store). Das ist recht unkompliziert., da man den Code direkt nach PayPal-Zahlung bekommt. Folgend legt man sich einen neuen Account im britischen Store an und löst den Gutschein ein. Schon kann man die Serie mittels Guthaben erwerben)

Merci pour tous des memoires, roi d’Highbury!

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Diese Woche kommt unser Erzähler aus der Hansestadt Hamburg. Tom hat sich in seiner Jugend für den Verein mit der Raute begeistern können, jedoch nie ein wirklich emotionales Verhältnis aufgebaut. Die Lokalisierung der Spielstätte fernab des eigentlichen Hamburger Lebens trug seinen nötigen Teil dazu bei. Anders sollte es ihm bei seiner Studienzeit in London ergehen. Mitten im Herzen Islingtons angekommen, wurde ziemlich schnell klar, welcher Verein sein Herz erobern sollte und welcher seinen Spott erntete. Während an der in Fulham angesiedelten Bridge ein Ex-Sträfling einen vormals nicht-existenten Fussballclub mit blutigen Ölmilliarden errichtete, sollte Arsene Wenger das englische Fussballspiel neu erfinden. Und hieraus eine immerwährende Liebe entstehen. Aber lest selbst:


Geschrieben von Tom Dziomba


Als ich im Sommer 2002 ein Praktikum in London absolvierte, landete ich für drei Monate in einer Wohngemeinschaft in der Bickerton Road in Archway, N19. Als mein fußballverrückter Freund Sascha mich am letzten Septemberwochenende besuchen kam, war der Besuch eines Premier League Spiels natürlich Pflicht. Wir landeten an der hässlichen Stamford Bridge, in Fulham.

Chelsea Football Club, 19 Jahre nach Arsenal im Jahre 1905 gegründet, hatte in seiner fast 100jährigen Geschichte bis dahin eine Meisterschaft gewonnen. Das war vor fast 50 Jahren. Berühmt war der Verein hauptsächlich für die Chelsea Headhunters, eine rassistische Hooligan-Gruppierung, deren Vorgänger, die Chelsea Shed Boys, insbesondere in den 1980er Jahren Terror verbreiteten. Sehr sympathische Truppe also. Der ehemalige Eigentümer vom C.F.C., Ken Bates, hatte damals erfolglos vorgeschlagen, elektronische Zäune im Stadion zu errichten, um das Stürmen des Platzes zu verhindern.

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Erfolglos blieb eine weitere Unternehmung des ehemaligen Eigentümers Bates, der den Club 1982 für einen Pfund gekauft hatte. Er betätigte sich als Immobilien-Entwickler und bastelte einen unfassbar scheußlichen Komplex aus Hotels, Wohnungen, Bars, Restaurants und den Chelsea Megastore mit der interaktiven Chelsea World of Sport an das Stadion. Die Schulden aus diesem Fehlinvestment führten fast zur Pleite des Vereins, der sich sportlich aber halbwegs hielt.

An diesem Samstag Nachmittag kam West Ham United aus Ost-London zu Besuch. Deren Hooligans, die Inter City Firm, galten als die erste gut organisierte, gewalttätige Fangruppierung. Ein schönes Hass-Derby also. Auch wenn das Ganze 2002 ja nicht mehr so wild war. Aber die Luft knisterte.

Was dann aber auf dem Platz und in den Rängen folgte, war der Wahnsinn. Paolo di Canio, der später in seiner Zeit bei Lazio Rom bekennende Faschist mit einer Vorliebe Stadionkurven mit gestrecktem rechten Arm zu grüßen, hatte das Spiel seines Lebens. West Ham gewann mit 3:2. Di Canio steuerte hierzu einen unglaublichen Volleytreffer aus 30 Metern, sowie das entscheidende Tor kurz vor Schluss bei.

Die direkte, harte Art des Fußballspiels in England hatte mich genauso fasziniert, wie die extremen Emotionen der Fans. Der West Ham-Block, der nach Abpfiff zunächst verschlossen blieb um etwaige Zusammentreffen der radikalen Fangruppen zu verhindern, war bei den Toren ein lärmendes Tollhaus, während der Rest des Stadions totenstill war. Die Chelsea Fans ihrerseits eruptierten bei den beiden Treffern und es war amüsant zu sehen, wie sich die gegnerischen Fans in benachbarten Blöcken, nur durch ein paar hilflose Stewards getrennt, schmähten und provozierten.

Das ErIebnis in Fulham war ein starker Kontrast zu meiner Fußball-Sozialisierung Anfang der 1980er Jahre. In den Hamburger Suburbs erlebte ich, als selbst aktiver Mini-Bube bzw. F- und E-Jugendlicher, die besten Jahre des Hamburger Sport Verein. Horst Hrubesch und Manni Kalz waren meine Idole und diesen Schuss von Felix Magath, der den HSV im Mai 1983 zum Europapokalsieger der Landesmeister machte, werde ich nie vergessen. Aber die unregelmäßigen Stadionbesuche bis Ende der 1980er waren weder sportlich erquicklich, noch kam Stimmung im weiten Oval des Volksparkstadions auf. Und die Lage an Autobahn und Müllverbrennungsanlage war auch eine Zumutung, die Liebe zum HSV und auch mein Interesse am Bundesligafußball erkaltete über die Jahre.

Das Spiel jedoch, das ich an dem Septemberwochenende 2002 in London sah, begeisterte mich wieder für Fußball. Englischen Fußball. Insbesondere die starke lokale Verbindung, die ich aus Hamburg mit diesem Stadion im Niemandsland überhaupt nicht kannte, fand ich beeindruckend. Glücklicherweise hatte ich in meiner Wohngemeinschaft einen Mitbewohner, Anthony, der mir viel über die Premier League erzählen konnte. Er selbst war in Birmingham aufgewachsen und aufgrund seiner irischen Abstammung traditionell Aston Villa Fan.

Und so kamen wir auf Arsenal. Und Anthony erzählte, wie sich der Verein nach der Einstellung von Wenger gewandelt hat. Wie er vorher, insbesondere zu Zeiten von George Graham, vor allem für seine defensive Spielweise bekannt war. Und die langweilige Spielweise gegnerische Fans dazu gebracht hat, Boring, Boring Arsenal zu singen, während die eigenen Fans oft One-Nil to the Arsenal anstimmten, was die Spielweise, hinten zumachen und nach vorne nur das nötigste zu tun, zusammenfasste. Wengers Offensivtaktik gepaart mit disziplinierter Ernährung und für die Premier League neuen Trainingsansätzen transformierte so nicht nur den Verein sondern fand in Bezug auf die letzten beiden Aspekte schnell Nachahmer in der Liga. Anthony erzählte, wie es bis Mitte der 1990er Jahre gang und gebe war, dass die Spieler regelmäßig eher durch Geschichten über Saufgelage,  Drogen und Randalieren, als gute Leistungen auf dem Platz Schlagzeilen machten. Dabei fielen auch Namen wie Paul Merson, Ray Parlour und Tony Adams. Ich fand das eigentlich ganz sympathisch, vor allem, dass die Spieler nach dem Spiel im lokalen Pub beim Stadion abhingen und sich voll laufen ließen. Dass der dann folgende Wandel zu einer der besten, athletischsten Fußballigen der Welt im Grunde auf einen Mann, Arséne Wenger, zurückzuführen war, fand ich beeindruckend.

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Als wir uns an dem Abend Match of the Day in der BBC ansahen, konnte ich dann auch gleich sehen, zu was für einem Team Arsenal sich unter Arséne Wenger entwickelt hatte. Ein überragendes 4:1 in Leeds, was zudem bedeutete, dass die Gunners in 47 aufeinanderfolgenden Spielen mindestens ein Tor geschossen hatten und damit den 71 Jahre alten Rekord von Chesterfield eingestellt hatten. Die Mannschaft an dem Tag bestand aus Seaman, Lauren, Campbell, Cygan, Cole, Toure, Vieira, Silva, Wiltord, Henry und Kanu und das unheimlich flüssige Spiel, vor allem das schnelle Umschalten von Verteidigung auf Angriff, hat mich schwer beeindruckt. Es war wirklich schön anzusehen.

Mein Interesse an Arsenal war geweckt. Ich fragte Anthony, wo denn das Stadion von Arsenal sei und er meinte: ’Oh, it’s just down Holloway Road’, nur etwa drei Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Ein paar Tage später machte ich mich auf und nahm den Bus zur Finsbury Park Station. An deren Ausgang zur Seven Sisters Road signalisierte bereits der große Arsenal Fanshop, wo man sich hier befand. Entlang der Finsbury-Park-Moschee, die zu der Zeit aufgrund ihrer Verbindungen zu Al Qaeda im Fokus der Medien stand, ging es die St Thomas’s Road hinunter.

Ich erinnere  mich an diesen faszinierenden Anblick, wie sich, nachdem man einer kleinen Kurve in der Straße folgte, der North Bank Stand aus dem Meer von kleinen Viktorianischen Reihenhäusern erhob. Mal abgesehen von dem hässlichen Sozialwohnungsblock kurz vor der Gillespie Road, in die ich dann nach links abbog, um zum East Stand zu gelangen. Diese Tribüne, in der sich auch die Büros, eine Cocktail Lounge, Umkleidekabinen und der Pressebereich befanden, war 1936 eröffnet worden. Nachdem das alte Stadion weitestgehend abgerissen und für Wohnungsbau um genutzt wurde, ist dieses denkmalgeschützte Gebäude mit der wunderschönen Art-Deko Architektur, das einzige jetzt noch erhaltene des alten Stadionkomplexes. Ich war auf jeden Fall beeindruckt, wie physisch eng verwoben der Verein hier mit der Nachbarschaft existierte. Und das seit über 90 Jahren. Der Spielbetrieb in Highbury wurde 1913 aufgenommen.

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Es sollte dann aber noch zwei Jahre dauern, bis ich mein erstes Mal ein Spiel an diesem magischen Ort sehen sollte. Es fiel mir schwer, ohne die direkte Nähe zum Verein eine Verbindung aufzubauen und folgte Arsenal zurück in Hamburg nur sporadisch über das Internet. Im folgenden Sommer, 2003, arbeitete ich im Juni und Juli wieder in London. Arsenal hatte gerade den FA Cup gewonnen, musste sich in der Meisterschaft jedoch gegen Manchester United geschlagen geben. Und während der Meister einen 18 jährigen Portugiesen namens Christiano Ronaldo verpflichtete, konnte Arsenal sich mit Jens Lehmann verstärken.

Was aber den Sommer wirklich Schlagzeilen machte, war die Übernahme von Chelsea durch Roman Abramovich. Der ehemalige Häftling, der durch nicht ganz saubere Machenschaften Milliardär geworden ist,  sorgte dafür, dass der Verein nicht nur schlagartig schuldenfrei war, sondern nun auch uneingeschränkte Mittel hatte, sich zu verstärken. Dies bedeutete nicht nur eine neue Ära im Englischen Fußball, es machte den Verein auch noch unsympathischer. Natürlich stand dieser neue Eigentümer im starken Kontrast zu den Inhabern von Arsenal, die von den Familien Hill-Wood und Bracewell Smith dominiert wurden. Diese besaßen die Mehrheit am Klub seit dem zweiten Weltkrieg, als die Anteile mehr als wohltätiges Engagement zur Unterhaltung der Arbeiterklasse Nord-Londons gesehen wurde und keine Dividende ausgezahlt wurde.

Ein Jahr später war es dann endlich soweit. Ich zog nach London, um mein Studium abzuschließen. Die Zimmersuche beschränkte sich natürlich auf einen engen Radius um das Highbury Stadion und ich landete schließlich in der Charteris Road, direkt ’hinter’ der Finsbury Park Station. Ich liebte es, wenn die gesamte Nachbarschaft an Spieltagen von Fans belebt war und diese aufregende Stimmung über dem Stadion und dem Viertel hing.  Und so war es auch an diesem dunklen Tag im Dezember 2004.

Arsenal waren als die Invincibles in die Saison gegangen und starteten fulminant mit 16 Toren in vier Spielen. Nach acht Siegen in neun Spielen mussten sie am 24. Oktober im Old Trafford gegen Manchester United antreten und an diesem Tag endete auf schmerzliche Weise der Lauf der in der Premier League ungeschlagenen Spiele nach unglaublichen 49. Und weil es in Fußball ja auch immer diese schönen Subplots gibt, traf Ruud van Nistelroy hier einen Elfmeter, bevor Rooney in der Nachspielzeit das definitive Ende des Unbeaten-Runs besiegelte. Der van Nistelroy, der in der Vorsaison einen Elfmeter gegen Arsenal verschossen hatte und beim Endergebnis von 0:0 mit einem verwandelten Elfmeter die einmalige Saison, in der Arsenal kein einziges Mal besiegt wurde, hätte zunichte machen können. Er traf aber nicht. Was zu einer meiner Lieblings Nicht-Fussballszenen bei bzw. nach einem Fussballspiel führte, als Gilberto, Parlour, Cole, Keown, Lauren und Toure den Holländer fast verprügeln, was die Intensität dieser Spiele ganz gut reflektiert.

Am 12. Dezember 2004 kam Chelsea nach Highbury und ich wollte dieses Spiel unbedingt live sehen. Wie immer waren die engen Straßen, von Verkaufsständen mit Schals, Mützen, Trikots und Fan-Gesang–CDs gesäumt, zum Stadion überfüllt. Das Spiel war natürlich lange ausverkauft und ich hatte mein absolut maximales Budget für eine Karte auf dem Schwarzmarkt bei  £100 festgelegt. Nachdem ich kurz vor Anpfiff panisch wurde, trennte ich mich für eine Sitzplatzkarte auf der North-Bank, mittlere Höhe, leicht links, von £120. Und um das Klischee zu bedienen: Dieser doch nicht unerhebliche Teil meines monatlichen Studentenbudgets war jeden Penny wert.

Henry Terry

Ich war noch auf der Suche nach meinem Platz, als Henry, wie ich später im Fernsehen sehen konnte, Arsenal in der 2. Minute mit einem wunderschönen Schuss in Führung gebracht hatte. Nach 17 Minuten folgte jedoch der Ausgleich von dem Mann, den ich bis heute liebe zu hassen. Aber hassen ist das falsche Wort. Eher so eine Mischung aus extremer Genervtheit, gepaart mit Mitleid und Belustigung, wenn man sich vorstellt, was John Terry nach seiner Fußballkarriere wohl machen wird, außer fett und pleite werden, weil er sein Vermögen verspielt. Henry brachte Arsenal nach 29 Minuten wieder in Führung, bis Gudjohnsen kurz nach der Halbzeit den Ausgleich für Chelsea erzielte.

Trotz noch zwei guten Chancen für Henry und van Persie zum Schluss konnte man insgesamt wohl mit dem Ergebnis zufrieden sein. Hatte man doch über 10% der Treffer erzielt, die Chelsea mit insgesamt 15 über die ganze Saison einfangen sollte. Die Mannschaft in der damals auch ein gewisser Arjen Robben spielte, sollte die Liga gewinnen, nachdem im Sommer für über £91.000.000,-  neue Spieler wie Ferreira, Čech, Robben, Drogba und Carvalho geholt wurden. Während Chelski rund £2 Mio. für Spieler eingenommen hatte.

Meine Annäherung an den Englischen Fußball, an den Verein Arsenal und mein erstes Mal mit Arsenal war zu einer Zeit, in der der Verein seinen zunächst letzten Höhepunkt hatte. In den folgenden Jahren dominierte Chelsea einzig und alleine, weil sie die Lotterie gewonnen hatten. Und der Gewinn eigentlich dem russischen Volk gehörte. Das ist allerdings egal, da ich in dieser Zeit einen Verein lieben lernte, der tief in Tradition und Werten verwurzelt war und es zumindest auch noch heute ist, trotz eines amerikanischen Eigentümers, dessen Herz wohl leider nicht ganz bei der Sache ist. Sicher waren die finanziell klammen Zeiten der aufgrund des Stadionneubaus und den daraus resultierenden limitierten Möglichkeiten, den Kader stärker zu verbessern, schwer und die langen Jahre ohne eine Trophäe schmerzhaft. Aber es gab immer wieder diese Momente, die einen so froh gemacht und mitgenommen haben, wie das Weiterkommen gegen Real Madrid im Frühjahr 2006. Oder das 2:1 gegen Barcelona im Februar 2011. Große, wie auch kleine Momente, bei denen man mitfiebert und wahnsinnig wird, da die Verteidigung wieder zu dünn ist oder unsere Stürmer versagen. Am Ende aber doch noch ein knapper Sieg oder ein Punkt rausspringt und man dabei stolz sein kann, dass das alles einem Klub zu verdanken ist, der stets seine Werte und Prinzipien verfolgt hat und dies hoffentlich auch immer tun wird.

Fa Cup Hamburg

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